Transkript: Christian Wehner
„Wollen wir denn nicht Freunde sein?"
Transkript: Christian Wehner
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00:00 · PING · Armin Schroeder
Herzlich willkommen zu 24 Ping Pong. Heute begleiten wir Christian Wehner durch seinen Arbeitstag. Los geht’s! Guten Morgen Christian. Ich starte hier bei etwas schlechtem Wetter in den Tag, gehe gleich nochmal zum Summit und werde nach Düsseldorf fahren. Wo starten wir mit dir in den Tag?
00:24 · PONG · Christian Wehner
Hooray und schönen guten Morgen. Du erwischst mich noch am Frühstückstisch beim Spielen, wie du siehst, mit Freizeitklamotten, denn wie das Schicksal so oft spielt, meine Frau wollte gerade beide Kinder in den Kindergarten bringen und kam mit einem wieder zurück, da es einfach zu viel Mango gegessen hat am Morgen und sich entledigt hat. Das heißt, noch am Frühstückstisch, gleich aber oben im Büro.
00:46 · PING · Armin Schroeder
Dann hoffe ich mal, dass die Mango auch vorher geschmeckt hat. Du bist Spiegel-Bestseller, Otto. Du bist SAP Director Innovation. Du bist Speaker. Hast du überhaupt einen normalen Tagesablauf? Oh Gott, oh Gott.
00:57 · PONG · Christian Wehner
Nach dem Morgen erstmal einen heißen Kaffee. So, jetzt zu deiner Frage. Ja, für mich ist es normal. Und ich lieb’s, ich lieb’s. Also ich glaube, ich wäre sogar mit nur einer Aufgabe, wie erfüllend und einnehmend die auch sein möchte. Ich mag es irgendwie, mehrere Bälle in der Luft zu halten. Also man kann sich so vorstellen, der Autorenjob. Ja, ich war ein bisschen naiv und hatte halt die Hoffnung oder die Idee, das Buch schreibst du, Ermann, wenn’s abgegeben ist, dann ist ja die Arbeit eigentlich auch vorbei. Bis ein bisschen PR-Arbeit. Turns out, meh. Also ich saß halt auf einmal beim Frühstücksfernsehen zu Gast. Ich dürfte in ganz vielen tollen Podcast-Formaten zu Hause sein. Und ja, da muss man hinreisen, da muss man pünktlich sein. Das ist ein Thema. Aber das nimmt auch ein bisschen ab. Und ich hab das große, große Glück bei SAP, muss ich gestehen, dass ein Großteil meines Teams auch in Montreal, in Kanada sitzt, mit dem ich zusammenarbeite. Und das heißt, die Vormittage, die kann ich wirklich sehr, sehr oft zum fokussierten Abarbeiten nehmen. Hier und da hab ich mal eine Keynote. Das kriegt man sehr, sehr gut irgendwie unter einen Hut. Ein Teil deiner Botschaft ist es,
01:59 · PING · Armin Schroeder
sich auf die eigene kindliche Naivität zu besinnen. Das ist natürlich etwas, was so im Alltag ganz schnell untergeht. Wie weit ist das für dich ein aktiver Akt, dich immer wieder darauf zu besinnen? Ja, ich bin der festen Überzeugung,
02:15 · PONG · Christian Wehner
dass wir alle schon mal schlauer waren, als wir es heute sind. Und zwar, als wir Kinder waren. Denn wir haben so viel verlorengegangene Fähigkeiten, die aber ja eigentlich unser AI-Anti-Code sein können. Und wenn du mich fragst, also so ein Naivitäts-Codex, wenn ich ihn irgendwie erzählen müsste, ist wahrscheinlich einmal Unlearning. Und Unlearning, das ist immer so schwierig, als es als Begriff zu fassen. Wenn du eine Folge Bob Ross schaust, gibt es in jeder Folge den No-No-No-CCC-Moment. Also er malt ein Bild und du denkst, wow, cooles Ding, würde ich mir irgendwie hier gerne reinhängen. Und dann nimmt er aber einen Stift und malt einmal quer durch und mit einem Pinsel und du denkst, no, zerstör doch nicht das Bild. Und auf einmal erkennst du aber, hey, er hat im was, was ich dachte, das fertig ist, was Schöneres geschafft. Ja, ich habe es schon erst abgeschlossen gesehen, aber da ist mehr drin, so Unlearning. Das Zweite ist das Bauchgefühl. Ich glaube, das Intuition ist das, was uns bleibt. Und wir sind da leider mit so einem Adaptive Bias gefangen. Erwachsenen wurde eine Lego-Brücke überreicht. Die hatte auf der einen Seite drei, auf der anderen vier Steine. Die war schief. Und dann wurde der Erwachsenen überreicht mit der Ansage, mach die Brücke gerade. Und das Krasse ist, 81% aller Erwachsenen haben einen Stein drangefügt, anstatt einen wegzunehmen. Denn wir haben in der Lüge der Linearität gelernt, dass mehr eine Zugabe ist, aber im Umkehrschluss fühlt sich auch jede Reduktion als Verlust an. Und das ist falsch. Im Übrigen haben alle Large Language Modelle, diesen Adaptive Bias inzwischen schon übernommen, nach dem neuen Paper. Und das Letzte ist der professionelle Regelbruch. Wann habt ihr euch letztens in eine Mutprobe gestellt? Zu verstehen, ich muss nicht immer Ja sagen, Kontroversen können auch ein Katalysator sein. Wie mache ich das fest? Also als wir hier das Angebot hatten, dieses Haus zu kaufen, waren wir gerade in Portugal. Und es war Corona. Die Inzidenzen waren gut, aber der Flugplan war auf Null. Wir konnten nicht zurück. Dann haben wir das Exposé bekommen, wussten, das ist unser Haus. Dann haben wir gefragt, wann denn die Besichtigungen stattfinden. Und auf einmal heißt es, übermorgen ist die erste. Und wir wussten, wenn wir jetzt nicht zusagen, sind wir raus. Also Unlearning. Man kauft ein Haus während Corona anders als regulär. Heißt, wir haben einfach gesagt, okay, wir nehmen dieses Haus. Das zweite ist der professionelle Regelbruch. Wir durften uns mit dem WhatsApp-Call dazuschalten und hatten unsere Führung digital. Da habe ich gesagt, hey, wir haben offensichtlich einen Nachteil, dass wir nicht vor Ort sind. Aber ich möchte daraus einen Vorteil schlagen. Und demnach habe ich ganz frech gefragt, ich möchte der Erste sein, der dem Haus zusagt. Kann ich bitte die, auch wenn schon Besichtigungen gesetzt sind, noch einen Slot früher, weil ich will der Erste sein? Und Thema Bauchgefühl. Mein Vater ist Maurer und Kapo am Bau. Und mein Schwiegervater ist Künstler. Und was haben wir gemacht? Wir durften eine Person schicken, weil Kontaktbeschränkung mit Corona. Guess what? Wir haben den Künstler geschickt. Weil es hat sich für uns richtiger angefühlt, die Aura des Hauses zu verstehen und Nachbarschaft als das Mauerwerk. Und es hat sich erst richtig erwiesen. Der Verkäufer war ein Journalist. Und der hat so gut geweibt mit dem Künstler. Und ich weiß gar nicht, ob wir sonst die Zusage bekommen hätten. Also das mal so im sehr, sehr Real Life. Der kurze Kodex und nochmal ein Beispiel der Anwendungen im Alltag.
05:14 · PING · Armin Schroeder
Unkonventionelle Wege zu gehen ist natürlich schon mal gut, um das eigene Denken zu verändern und andere Perspektiven einzunehmen. Jetzt bist du Impulsgeber in verschiedenen Konstellationen. Wo holst du dir denn in deinem Arbeitsalltag neue Impulse? Ich bin schon der festen Überzeugung,
05:29 · PONG · Christian Wehner
dass Inspiration überall liegen kann. Also wenn du dir vorstellst, dieses divergente Denken, was Kinder können. Also mein Sohn hatte beispielsweise letztens eine Gabel hochgehalten, wo eine Banane aufgespießt war. Und dann sagte er auf einmal, Papa, das ist der Weihnachtsmann und hinten ist der Rucksack. Dieses divergente Denken, was wir alle mal konnten, ist so ein bisschen verloren gegangen. Ich bin der festen Überzeugung, wer Storyteller, also Geschichtenerzähler werden will, wer diese Geschichten finden will, muss er Storycollector werden. Und demnach rate ich jedem und jeder nimmt euch eine kleine Notiz-App und schreibt da einfach alles mal rein, was euch bewegt. Ich hatte beispielsweise letztens eine Story gesehen auf Instagram, wo jemand in den USA, es ist scheinbar ein Ding, seine Einkaufswägen nicht zurückzubringen. Und da war einer, der mit so einem ganz kindischen Lichtschwert die Leute ermahnt hat, bringt euren Wagen zurück. Und es war Wahnsinn, wie die Leute reagiert haben. Manche aus Scham sind pumpig geworden, andere haben es eingesehen. Das habe ich mir geschrieben, so warum reagieren Leute, wie sie reagieren, wenn sie ertappt werden? Was ist dieses Erwischste? Und habe dann überlegt, könnte man das vielleicht in eine Kampagne einbinden, die auf Lead Generation ausrollt? Also kann man diesen Effekt des Erschreckens nutzen für eine Kampagne? Also ich habe keine direkte Quelle. Probier eher im Alltag feine Töne wahrzunehmen, mir die aufzuschreiben und dann eine Woche später das nochmal zu lesen und sagen, ah, da ist eigentlich ein spannender Punkt, den ich mal weiterspinnen könnte. Und ja, lernt es wieder, Punkte zu verbinden. Das, was wir als Kinder mal konnten. Ganz spannende Sache noch. Arno Stern ist eine, die Sternmethode, ist eine ganz schöne Methode in der Zeichnerei. Und die Bilder, die in einem Sternraum, also das ist diese Methode, passieren, die haben eine Prämisse, sie verlassen nicht den Raum, weil sie sind nicht dafür gemacht, bewertet zu werden. Und ohne es zu wissen, hat Arno Stern damit die größte Sammlung an Kinderbildern weltweit generiert. Und es hat verschiedene Hirnforscher auf den Plan gebracht. Und als damals der Hirnforscher, wer war es, fällt mir gleich noch ein, Gerald Hutter, hat sich diese Bilder angeschaut und hat gesagt, gibt es ein Muster, was nicht zu erkennen gilt? Und auf einmal zeigte sich die frühen Werke der Kinder, waren alle Themenwelten, in denen sie sich verloren haben. Also ganz an alles gedacht, der Mauerwurf, das Fenster, da guckt Papa raus, weil er gerade irgendwie von alles durchdacht, schaut euch mal eure Kinderbilder der frühen Kindheit an. Und dann gibt es diesen Moment, wo das Wissen einkehrt und auf einmal wiederholen wir nur mal Muster, für die wir mal gelobt wurden. Und wir kommen nicht mehr raus aus diesen gelernten Mustern und verlieren das freie Spiel. Und Gerald Hutter und André Stern halten fest, in ihrem Buch, wie man Kinderbilder nicht betrachten sollte, steht drin, Kinder sind erdrückt von der Last des Wissens. Und gleiches gilt auch für uns Erwachsenen. Also verbindet wieder die Punkte. Hat diese Erkenntnis
08:10 · PING · Armin Schroeder
oder die Information, wie sehr so eine Prägung funktioniert, für dich verändert, wofür du deine Kinder lobst? Ja, total.
08:18 · PONG · Christian Wehner
Ich probiere seitdem weniger den Erfolg, also das Resultat, als den Weg dorthin zu loben. Und Arno Stern sagte sogar, wenn ein Kind zu ihm kommt und sagt, Arno, wie findest du meine Auto, meine Katze, mein was weiß ich? Dann war seine Antwort immer, willst du mehr grün? Willst du mehr blau? Also auf den Weg bezogen und offen. Also meine Art des Lobens hat sich geändert, aber ich probiere eher bei ihm in die Schule zu gehen oder bei ihr. Ich glaube, wir brauchen auch mal wieder alle eine Schule fürs Verlernen und nicht nur eine Schule fürs Lernen. Also die Schule fürs Verlernen, die
08:48 · PING · Armin Schroeder
interessiert mich nochmal. Kannst du uns ein Beispiel dafür nennen, wie du Dinge ganz bewusst verlernt hast, die dann Einfluss auf dein Berufsleben gehabt haben? Ich habe schon oft, glaube ich,
09:02 · PONG · Christian Wehner
Ja zu Neuem statt Nein zu Alpen gesagt. Ich habe einfach gesehen, Dinge funktionieren zukünftig anders und da habe ich Lust dabei zu sein. Das wäre ein aktuelles Beispiel. Ich bin drauf gestoßen, dass GIFs, die klein bewegten Bildchen, dass SAP dort als Brand nicht stattfindet. Und habe dann irgendwie überlegt, laut unseren Brand Guidelines, no chance, dass wir irgendwie bei Giphy sind. Aber dann habe ich es meinem Vorgesetzten gepitcht. Das ist die zweitgrößte Suchmaschine der Welt, wenn es nach Search Requests geht. Dann haben wir quasi ein How-to-Gif-Deck aufgebaut und das mal unserem Chief Brand Officer mitgeteilt, zu sagen, hey, da sind 10 Milliarden geteilte GIFs pro Tag und wir als Brand finden dort nicht statt und haben komplett die Brand Guidelines umgeschrieben, um da präsent zu sein. Und siehe da, wir machen seit Anfang Dezember und haben jetzt über 250 Millionen Views auf diese GIFs eingefahren. Und ja, die sind manchmal ein bisschen spielerisch, wie GIFs sind. Das sind dann so klassische Reaction-GIFs. Aber wir haben auch Event-GIFs. Das ist alles, was gerade Ramadan, chinesisches Neujahr. Dann gibt es Moment-GIFs, wo wir piggyback fahren auf Cultural Events, wie beispielsweise eine neue, weiß ich nicht, Wednesday-Season oder Bridgerton aktuell. Und dann gibt es die Corporate GIFs, die dienen ganz klar der SAP für Veranstaltungen, für Einladungen und, und, und. Und ich glaube, das war ein riesen Unlearning-Prozess, zu verstehen, dass das nicht einfach nur kulturell in der Gen Z stattfindet, sondern dass das ein strategisches Feld für uns im Inneren, für die Brand geworden ist. Probieren wir es direkt mal im Anschluss
10:41 · PING · Armin Schroeder
mit einer etwas anderen Frage. Stell dir vor, dass das, was du dir persönlich für deine berufliche Zukunft wünschst, das wäre ein Kleidungsstück. Welches Kleidungsstück wäre das? Und warum?
10:56 · PONG · Christian Wehner
Oh Gott, was für ein King bediene ich denn mit dieser Frage? Eieiei. So, was wäre es? Also ganz aus der Kalten wäre es wahrscheinlich sogar der Hut. Denn ich finde, du bist damit immer sicher begleitet und gut angezogen, aber du nimmst ihn in geschützten Räumen ab. Und das finde ich einen schönen Gedanken, so diese Sicherheit im Äußeren. Das ist das, wonach wir uns, glaube ich, alle gerade sehnen irgendwo. Sicherheit. Aber zugleich auch in geschützten Räumen nimmst du ihn ab, weil du weißt, hier kannst du du sein. Ich glaube, das klingt jetzt sehr philosophisch, aber das wäre dann quasi dieser Innovationsbereich. Also hier traue ich mich, will die Ideen zuteilen. Hier brauche ich keinen Schutz nach außen. Hier muss ich keine Rolle spielen. Also so diese Mischung. Und das, glaube ich, das ist was, wonach ich mich schon sehe. Also auf der einen Seite die Sicherheit und die Klarheit und aus der Stärke daraus dann aber auch den Rock’n’Roll, die Ehrlichkeit und die Innovation. Also es wäre der Hut, glaube ich, doch. Ich denke, ja.
12:03 · PING · Armin Schroeder
Wir kommen langsam zum Feierabend und damit auch zur letzten Frage. Und für die letzte Frage habe ich mir eine Frage über Fragen aufgehoben. Du sagst, wir sollen wieder richtig Fragen lernen. Welche Frage wurde dir noch nie gestellt zu deinem Job, zu dem, was du machst, obwohl sie dir eigentlich total wichtig wäre?
12:26 · PONG · Christian Wehner
Ich habe mir irgendwo gelesen, Glück ist wie Fisch. Du kannst nicht bestimmen, ob er anbeißt. Du kannst nur deine Angel aushalten und hoffen. So sehe ich so ein bisschen auch die Frage. Ich weiß ja nicht, was noch vorbeischwimmt und kommt. Was brennt mir unter den Nägeln? Ich glaube, Einsamkeit ist ein Riesenthema. Wie schafft man es wieder, außerhalb vom beruflichen Kontext und vom Alltag, Kinder, Job, auch Freundschaften mehr aufrecht zu halten? Einer von sieben US-Amerikanern hat gesagt, dass er nicht einen einzigen festen Freund in seinem Leben mehr hat, was mir sehr, sehr zu denken gegeben hat. Also jetzt kommen wir Richtung Feierabend. Ich mache mich hier mal fertig und beende mit der Frage, wollen wir denn nicht Freunde sein? Und deine Antwort brennt mir unter den Nägeln. Also dann,
13:05 · PING · Armin Schroeder
lieber Christian, vielen Dank, dass wir dich heute begleiten durften. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht und ein besonderer Mensch braucht besondere Fragen. Ich hoffe, dass es mir an der einen oder anderen Stelle gelungen. Und du hast mir am Ende eine gestellt und ich habe mal ein Vettel vorbereitet und werde das ganz einfach so beantworten, wie man das richtig macht. Ich wünsche dir einen wunderschönen Abend. Ich hoffe, wir sehen uns bald wieder.
13:30 · PONG · Christian Wehner
Freundschaft. Süß. Freundschaft.